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Zaltho Sangha e.V.

Gemeinschaft für Frieden & soziale Aussöhnung

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At Hell's gate

von Nikola AnGyo Ruck

7 veteran retreatAm Freitag, dem 13. März 2020, dem letzten Tag vor Beginn des Einreiseverbots für Bürger*innen der Europäischen Union, reiste ich von Deutschland in die USA. Ich kam im Magnolia Zen Zentrum in Mary Esther, Florida, USA, an, um 13 Tage dort zu verbringen. Die Entscheidung zu reisen, fiel mir nicht leicht. Ich war während des Fluges angespannt, was auf mich zukommen würde. Einige Wochen vor meiner Ankunft sah ich, dass zu der Zeit, in der ich im Zentrum sein würde, das bevorstehende Veteranen-Retreat stattfinden würde. Ich war aufgeregt, an einem so besonderen Retreat teilnehmen zu können. Bevor das Veteranen-Retreat begann, hatte ich ein paar Tage Zeit, um im Zentrum anzukommen. Diese waren von meinem Jetlag und den Berichten über die weltweit steigende Zahl der mit dem Corona-Virus infizierten Menschen überschattet.

Das Retreat begannen an einem Mittwoch. Ich hatte vor meiner Ankunft gefragt, ob ich eine Aufgabe zur Unterstützung dieses Retreats haben würde. AnShins Antwort war, dass dies entschieden würde, sobald ich im Zentrum angekommen sei. Am Ende bestand meine Aufgabe darin, in der Küche zu helfen. Obwohl ich mich sehr gefreut habe, Teil des Retreats zu sein, fühlte ich gleichzeitig ein großes Unbehagen. In meiner Jugend hatte ich gelernt, auf Soldaten herabzusehen. Ich erlebte dies beim Ausbruch des US-Krieges im Irak 2003, als Schulfreund*innen und ich vor dem US-Hauptquartier in der Stadt, in der ich aufgewachsen war, gegen diesen Krieg protestierten. Nun befand ich mich in einem Retreat mit Menschen, die ich abgewertet und denen ich mich überlegen gefühlt hatte.

Während des Retreats mit AnShin wurden wir in die Meditationspraxis des tiefen Zuhörens und des achtsamen Sprechens eingewiesen und nahmen daran teil. Als sich mir im Retreat die Gelegenheit bot, über meine früheren Meinungen über Soldaten zu sprechen, habe ich mich nicht getraut. Interessanterweise empfand ich das Retreat jedoch als eine reinigende Erfahrung. Ich war sehr bewegt davon, wie die Teilnehmer mit sich selbst arbeiteten, und von ihrer Offenheit, über ihre Kriegserfahrungen zu sprechen. Ich war berührt von ihrer Herzlichkeit mir gegenüber.

AnShin stellte eine Meditationspraxis mit dieser Gruppe vor, die für die Gruppe der Veteranen und auch für die Gruppen, die zusammen mit einem Schwerpunkt auf den generationenübergreifenden Auswirkungen von Krieg, Gewalt und Leid praktizierten, besonders geeignet ist. Dies ist die Praxis des Schreibens als Form der Meditation. Diese Schreibmeditation war für mich nicht leicht, weil mir das Schreiben schon immer schwerfiel. Zu dieser Schwierigkeit, die ich mit dem Schreiben habe, kam hinzu, dass ich auch auf Englisch schrieb. Und zusätzlich schien es wegen meiner Küchenpflichten wenig Zeit zum Schreiben zu geben.

Am letzten Tag des Retreat waren wir eingeladen, die Texte, die wir über den Krieg geschrieben hatten, in der gesamten Gruppe laut vorzulesen. Ich war berührt von der Aufrichtigkeit des Geschriebenen der anderen und davon, wie viele Parallelen es unter uns allen gab, auch wenn nicht alle von uns im Militär gedient hatten. Ich erlebte, dass Krieg auch ohne Panzer und Waffen existiert.

Ich bin sehr dankbar, dass ich auf eine nicht-intellektuelle Weise mit den Kriegen, die ich glaube verursacht zu haben, und den Kriegen, die ich erlebt habe, in Kontakt treten konnte. Ich konnte sehen, wie mein passives schweigendes Verhalten mich zur schweigenden Komplizin in Situationen machen kann, in denen andere misshandelt werden. Ich war auch froh, dass ich durch dieses Retreat ermutigt wurde, mit der Kriegsgeschichte meiner Familie in Kontakt zu kommen. Eine Geschichte, die mit vielen Soldaten gefüllt ist.

Während des Retreats war ich voll und ganz auf den Moment konzentriert: Gemüse schneiden, das Erlernen des Umgangs mit Küchengeräten usw. Aber als der Retreat zu Ende war und das Alltags-Retreat begann, merkte ich, wie sehr sich vieles draußen durch den Corona-Virus verändert hatte. Geschäfte und Restaurants waren geschlossen, Parkplätze auf dem Flughafen waren leer, Atemschutzmasken ausverkauft und vieles mehr. Auch heute noch spüre ich die Angst vor dem Virus und den Veränderungen, die sich aus den Maßnahmen, die ergriffen werden mussten, um uns vor diesem Virus zu schützen, ergeben werden.

Abschließend möchte ich sagen, dass ich von ganzem Herzen dankbar für alle Retreat- Teilnehmer*innen bin. Auch bedanke ich mich bei AnShin und KenShin für die Einladung, im Retreat und im Magnolia Zen Zentrum zu sein.

 

 von Paulina KenKo Duarte Catalan

6 chile 3Mein Mann und ich haben Claude AnShin 2008 in unserem Land, Chile, kennen gelernt. Ohne zu zögern begannen wir, mit ihm zu praktizieren. 2010 erhielten wir unsere Novizenordination (JuKai) von Claude AnShin im Magnolia Zen Zentrum in Mary Esther, FL. Als Teil dieser Zeremonie erhielten wir unsere ordinierten Namen "MuKan" und "KenKo". 

Wir hatten bereits ein Grundstück auf dem Land südlich von Santiago gekauft, auf dem wir unser Haus bauten. Nach unserer Ordination beschlossen wir dann, dort ein Zen-Meditationszentrum zu errichten.  Eines Tages dachten wir über den Namen für diesen Ort nach. Der Name tauchte einfach auf. 2 Wörter zusammen: "vivOzen". Das bedeutet:  "Lebe Zen!"

Unser Zuhause, VivOZen, befindet sich in Requinoa. Requinoa liegt in der sechsten Region Chiles, in der Mitte des Landes. MuKan und ich bieten einen Ort an, um Zen-Meditation zu praktizieren, wie sie uns durch unsere Ausbildung bei Claude AnShin vermittelt wird. Zu dieser Praxis gehören Sitzen, Gehen, Essen und Arbeiten als Formen einer aktiven Meditationspraxis.  Wir beteiligen uns auch an tiefem Zuhören und achtsamem Sprechen mit den Menschen, die in unser Zentrum kommen. Tiefes Zuhören und achtsames Sprechen ist eine weitere aktive Meditationspraxis, die uns von Claude AnShin vermittelt wurde. Im VivOzen empfangen wir die Menschen auch routinemäßig am Samstagvormittag zur Sitz- und Gehmeditation, die mit einer Tasse Tee endet.

VivOzen und Miravalle (ein weiteres Retreat-Zentrum in Chile) haben AnShin und KenShin bei mehreren Gelegenheiten nach Chile eingeladen, um Vorträge für die Öffentlichkeit, Universitäten und Gefängnisse anzubieten und Retreats hier und in Miravalle im Norden Chiles zu ermöglichen. 

Wir haben während der Besuche von Claude AnShin viele wunderbare Momente erlebt.  6 chile 6Wir können die Welt mit viel mitfühlenderen Augen sehen, und wir haben erkennen können, dass es an vielen Orten Leid, Verzweiflung und Gewalt gibt. VivOzen ist nun ein Ableger des Magnolia Zen Zentrums, welcher sich durch die Praxis, die uns von Claude AnShin vermittelt wird, voll und ganz verpflichtet hat, jede Person zu unterstützen, die Hilfe braucht oder um Hilfe bittet.

 An alle, die dieses Essay lesen werden: MuKan und ich verneigen uns vor euch! Ich danke euch für eure Unterstützung!

 

 

 

 

von Koen AnGyo Duenk

5 gelebte interreligioesitaetSeit drei Jahren besuche ich regelmäßig die Ringveranstaltungen des Rates der Religionen in Leverkusen. Der Rat bietet mehrfach im Jahr öffentliche Veranstaltungen zu verschiedenen gesellschaftlichen Themen an und bietet Einblicke in die Ansichten und Praktiken der vertretenen Religionsgemeinschaften. Mitglieder des Rates sind Vertreter der christlichen, muslimischen, jüdischen und buddhistischen Gemeinden. 

Für mich sind diese Besuche so interessant, denn ich lerne viel über die Religionen und deren Einfluss auf unterschiedliche Kulturen, von dem ich möglicherweise sonst in meinem Alltag nur wenig erfahren würde. Dass es unter den christlichen, jüdischen und muslimischen Glaubensrichtungen viele Gemeinsamkeiten gibt, überrascht mich nicht, denn es sind die abrahamitischen Religionen. Was mich persönlich noch mehr interessiert, ist, worin unterscheiden sich diese Religionen denn nun? Wenn es diese Unterschiede nicht gäbe, hätten wir eine statt drei Weltreligionen. 

Mein Eindruck ist, dass es im Judentum und im Islam eindeutige Regeln gibt zum Verhalten, zum Essen und zur Kleidung. Im Christentum wirkt es auf mich eher wie Richtlinien: "Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch." (Matthäusevangelium 7, 12). Es lässt mehr Interpretationsspielraum. Im Buddhismus empfinde ich vieles weniger als Regeln, sondern eher als Richtlinien. Dies hat für mich auch etwas Weicheres. 

Ich selbst glaube nicht an Gott, umso faszinierender ist es für mich, dass Milliarden Menschen monotheistisch glauben. In meinem Elternhaus haben Glaube und Gott bis heute einen festen Platz. Bis zu meiner Volljährigkeit war ich sonntags beim Gottesdienst und wöchentlich bei der Katechese (Religionsunterricht der Gemeinde). Es kann viel Gutes aus der Religion vermittelt werden. Für mich sind das zum Beispiel Normen und Werte, die eine Gesellschaft prägen. Dies gilt ja auch für Menschen, die nicht an Gott glauben, oder nicht so wie die Institutionen es vorschreiben. 

Die Offenheit für verschiedene Gestaltungen des Lebens, wobei man selbst gefestigt ist im eigenen Glauben oder Nicht-Glauben, finde ich persönlich wichtig, weil eine Gemeinsamkeit haben wir alle: wir sind hier! Gerade deshalb würde ich mir wünschen, dass diese interreligiösen Veranstaltungen mehr Interesse in der Öffentlichkeit wecken und mehr Menschen den Weg an diesen Abenden in die Kirchen, Synagogen und Moscheen finden. 


 

von Arlette AnGyo Zimmer

4 online mediationAls mich Sonja MyoZen vor 2 Wochen ermutigte, das Online-Meditationsangebot mit Claude Anshin auszuprobieren, war mir die Zoom-Technik noch komplett unbekannt. Daher freute ich mich über diese neue Herausforderung.

Eine Stunde vor dem Meeting begann ich mit den Vorbereitungen, reinigte meinen Altar gründlich, zog die neue Weste an und baute die Technik auf. Insgesamt war ich sehr aufgeregt und als das Zoom-Meeting dann endlich startete, war ich die Einzige, deren Bild „auf dem Kopf stand.“ Das war mir sehr peinlich. Ich traute mich aber nicht, die Einstellung zu ändern. - Zu meiner Erleichterung konnte ich diesen Fehler anschließend ganz einfach korrigieren.-

Mein Fazit:

Ich habe das Gefühl, dass dieses neue Angebot meine Verbundenheit mit der Sangha und meine Entschlossenheit zur täglichen Praxis stärkt. Der festgelegte Zeitpunkt, die bekannten Rituale und Rezitationen, die virtuelle Begegnung mit Claude AnShin, Wiebke KenShin und den Teilnehmenden aus aller Welt geben mir Stabilität in dieser unsicheren Zeit. Und dafür möchte ich mich von Herzen bedanken.

Weitere online Meditationsangebote der Zaltho Sangha findet ihr hier: Übersicht. 

 

von Barbara Myczke 

pauenhofMein Vater war Pole. Sofort bei Kriegsausbruch kam er als "Untermensch" in deutsche Kriegsgefangenschaft; er verbrachte dort sechs Jahre bei den "Herrenmenschen".1945 war der Krieg beendet, er wollte nicht in Deutschland bleiben, aber auch nicht nach Polen, wo die Russen herrschten. Also musste ein anderes Land her.

Amerika.

Vorher lernte er noch eine deutsche Frau im Ruhrgebiet kennen, die in der NS-Zeit Reichsarbeitsdienstführerin war und später dann aus Pommern, ihrer Heimat, vor den Russen nach Münster in Westfalen geflohen war - mit ihren Eltern. Ihr Bruder war als Soldat in Russland erschossen worden.

Diese Frau und der Pole wanderten nun noch weiter nach Westen, in die USA, um dort ein neues Leben zu beginnen. Das war 1950. Sie heirateten und begannen zu arbeiten, um ein Auto, eine schöne Wohnung mit Waschmaschine und TV haben zu können. Unerwarteter Weise wurde die Frau nach fünf Jahren Ehe mit vierzig Jahren schwanger und sie bekamen eine Tochter: Barbara.

Die Freude war groß - hielt jedoch nicht besonders lange an. Bereits mit drei Jahren kam ich in einen Kinderhort, damit beide wieder berufstätig sein konnten. Mit sechs Jahren wurde ich eingeschult, und meine Eltern stritten sich immer häufiger. Mein Vater nannte meine Mutter " Nazi" und schlug sie. Da meine Mutter eigenes Geld verdiente, sparte sie heimlich für einen Flug in ihre Heimat - Deutschland - mich eingeschlossen. Sie holte mich von der Schule ab, sagte, wir gingen mal zum Flughafen - und plötzlich fand ich mich mit ihr in Düsseldorf wieder. Reinrassige Kindesentführung. Mein größtes Trauma.

pauenhof 1

Ich sprach kein Deutsch, musste wieder in die erste Klasse der deutschen Grundschule und sollte bei meinen Großeltern leben, wohin sie wieder zurückgekehrt war. Das gefiel mir gar nicht. Ich war bisher amerikanisch aufgewachsen, mit vielerlei Freiheiten. Hier in Deutschland gab es kein leckeres Essen. Die Großeltern waren Preußen und sehr streng. Ich sagte meiner Mutter, dass ich bei denen nicht bleiben wolle und wurde ein "Schlüsselkind". Meine Mutter hatte ihre eigene Wohnung mit mir und dorthin ging ich - und war allein mit den Hausaufgaben. Ich lernte gut und viel und kam als Tochter einer geschiedenen Frau ("gescheiterte Existenz" in den sechziger Jahren) zum Gymnasium. 

Mein Vater versuchte immer wieder, mich zurückzuholen, was auch mein eigener Wunsch war; ich hatte meinen Vater lieber als meine Mutter. Sie war viel strenger.
Aber obwohl ich bei Gericht aussagte: " I wanna go back to my Daddy.", wurde ihr das Kind in Deutschland zugesprochen - und nun bin ich vierundsechzig Jahre und habe die meiste Zeit meines Lebens in Deutschland verbracht.

So oft habe ich mich gefragt, warum sie nicht in eine andere Stadt in den USA gegangen ist mit mir. Mein Vater sagte, sie habe zehn Jahre zum Entnazifizieren abgewartet, um dann wieder in ihre alte Heimat zurückzukehren. Diese Zerrissenheit, Trauer, Heimatlosigkeit haben mein gesamtes Leben bestimmt.


Ich wollte selbst zwei Mal auswandern, einmal in die Niederlande, wo ich einen Mann gefunden hatte -

diese Ehe ist seit vierzig Jahren geschieden - und danach nach Indien oder Sri Lanka. Hat beides nicht geklappt.

Mit meinem Vater durfte ich nie Deutsch sprechen. Ich habe auch keine deutsche Staatsbürgerschaft, sondern die amerikanische und die niederländische. Richtig Deutsch will ich einfach nicht sein. Obwohl ich's bin.

pauenhof 3 

 

 

 

 

 

von Claude AnShin Thomas

2 textauszug anshinWährend der Meditations-Retreats sind wir meistens schweigend. Das Schweigen ist eine wertvolle Praxis.Es geht dabei um so viel mehr als das Nicht-Reden. Beim Schweigen geht darum, mit der Aktivität des Geistes zu arbeiten; all das Denken über dieses und jenes;das ständige Verlangen des Geistes, dem zu entfliehen, was ist.

Im Schweigen haben wir oft eine größere Chance zu sehen, wie unser Geist und unsere Emotionen funktionieren, und die Weisheit zu entdecken, die alle Dinge miteinander verbindet. Die Menschen mögen das Schweigen oft nicht, weil wir in der Stille mit uns selbst allein gelassen sind. Es gibt kein Entkommen von unseren Gedanken, Gefühlen und Wahrnehmungen. Wenn wir neu bei der Meditationspraxis sind und nicht viel Zeit mit uns selbst verbracht haben, kann das Schweigen manchmal fast unerträglich erscheinen.

Ich erinnere mich noch an meine ersten Tage und Wochen im ersten buddhistischen Kloster, in dem ich mich ausbilden ließ. Ich ging auf dem Gelände spazieren und kam an einem der Mönche vorbei. Aus einem Gefühl der Höflichkeit, aus dem Wunsch, eine Verbindung herzustellen, und aus einem Gefühl des Unbehagens begrüßte ich sie mit "Guten Morgen!". Die Mönche gingen einfach an mir vorbei, sagten nichts und handelten aus meiner damaligen Perspektive so, als ob ich nicht existierte. Keine Antwort.

Meine sofortige Reaktion war, dass ich mich beleidigt fühlte und annahm, dass sie mich nicht mochten. Mein Geist machte danach so viele Veränderungen durch, bis ich schließlich an den Punkt gelangte, an dem es nicht mehr persönlich war. Tatsächlich begann ich, das Schweigen als eine große Erleichterung zu erleben. Ich war von den gesellschaftlichen Konventionen befreit, die mich ohnehin oft leer und nicht gesehen oder gehört fühlen ließen. In dem Schweigen lag eine gewisse Behaglichkeit im Beziehen auf andere, welche ich vorher nicht gekannt hatte. Schweigend in einer Gruppe zu praktizieren, lädt uns ein, eine andere Art von Bewusstheit, eine andere Art von Bewusstsein und neue Wege, sich miteinander zu verbinden, zu erleben. Es gibt ein Vertiefen des Bewusstseins und eine große Gelegenheit, den Geist zu klären.

Zu den Höhepunkten des Jahreswechsel-Retreats im Magnolia Zen Center in den USA gehörte ein spezielle Versöhnungszeremonie am Neujahrsabend, gefolgt von einer Mitternachtszeremonie mit 108 Verbeugungen, um das neue Jahr einzuläuten. 

     Das besondere Ereignis in diesem Jahr war jedoch die volle Ordination (Tokodo) von Dave MyoKo Edgar, dem ersten Vorsitzenden der Zaltho Foundation, zum Zen-buddhistischen Mönch. Dieser Zeremonie zuzuschauen, hieß Zeuge einer dramatischen Transformation zu sein. Die Veränderung war nicht nur MyoKos frisch rasierter Kopf. Als er während dieser Zeremonie zum ersten Mal sein schwarzes Kesa (Mönchs-Robe) anzog, verkörperte er etwas Neues und Starkes. Diejenigen von uns, die ihn seit einigen Jahren kennen, waren von seinem Mut und seiner Bereitschaft, diesen Schritt zu tun, tief bewegt.

 

von Paolo KyoDo Urbinati 

Ich mag mich vorstellen - mein Name ist Paolo KyoDo Urbinati, und ich bin langjähriger Schüler von Claude AnShin Thomas. Ich bin auch der Gründer und der erste Vorsitzende des italienischen Zaltho Sangha e.V. Mit diesem Verein unterstütze ich den Prozess der Einrichtung eines Meditationszentrums in Norditalien in der Zen-Tradition, wie sie uns von Claude AnShin Thomas nahegebracht wird.

Ich möchte Euch, dem deutschen Zaltho Sangha e.V., für euer Interesse an diesem Projekt danken. Ich finde das sehr nett von euch. Ich will mit euch teilen, dass ich, als ich gebeten wurde, etwas über den Prozess zur Einrichtung eines Zentrums in Italien zu schreiben, keine klare Vorstellung davon hatte, was ich schreiben sollte. Dieses Zögern dauerte jedoch nicht sehr lange. Ziemlich schnell begann ich, Worte zu finden. 
     Es gibt ein Haus im Dorf Casorzo, dass das Ferienhaus meiner Eltern ist. In den letzten 10 Jahren wurde es nur sehr selten genutzt. Als Familie haben wir versucht, es mehrere Male zu verkaufen, aber niemand zeigte Interesse, es zu kaufen. Ich sah im Laufe der Jahre, dass das Haus langsam zusammenbrach. Ich fand das so schade um all das Geld und die Arbeit, die meine Familie in die anfänglichen Renovierungsarbeiten gesteckt hatte. Es war traurig zu sehen, wie das Haus einfach verfällt. So wurde mir klar, dass es gut sein könnte, diese Räumlichkeiten den Menschen in Italien als Bezugspunkt anzubieten, als Ort der Begegnung und der gemeinsamen Praxis der Meditation in ihren vielen Formen. Es könnte ein Ort sein für die Gemeinschaft von bereits praktizierenden Menschen, sowohl wie für andere Menschen, die noch nicht mit der Praxis vertraut sind, die kommen können und die gegenseitig von diesem Ort profitieren und ihn unterstützen können. 

Was und wie wird dieses Zentrum genau sein? Ich weiß es nicht wirklich. Der erste Schritt ist getan, nämlich die Einrichtung eines Zendo (=Meditationsraum). Erst vor einigen Monaten war dieser Raum ein unglaublich chaotischer Lagerraum. Und jetzt sieht es so freundlich und gemütlich aus. 
Um diese Renovierung zu realisieren, kam eine Gruppe von Menschen zusammen, die sich großzügig zeigte: einige unterstützten durch körperliche Arbeit, andere durch einen finanziellen Beitrag. Beides hat es ermöglicht, hier im Oktober das erste 3-tägige Meditations-Retreat mit Claude AnShin Thomas durchzuführen. Das ist schon eine tolle Sache.
     Jetzt geht es darum, den Ort auch weiterhin zu unterstützen, Menschen mit diesem Ort zu verbinden und zu sehen, was sich entwickeln wird. Ich bin sehr daran interessiert, diesen Ort zu entwickeln, ihn in dieses Dorf zu integrieren und ihn auch allgemein den Menschen in Italien anzubieten. 
     Dank der Unterstützung unseres Lehrers vertraue ich darauf, dass etwas in diese Richtung geschieht.

6 gruppe casorzo

Renovierungshelfer*in

6 kyodo anshin casorzo

KyoDo und AnShin besichtigen die Baustelle

6 zendo casorzo

Meditationsraum (Zendo)

 

 

 

Wie manifestiert sich meine Zen-Buddhistische Praxis im Sterben, im Tod und in der Trennung von meinem Kater Jimmy?

-von Karen GetsuGen Arnold

Meine Katze Jimmy kam als Kätzchen vor 17 Jahren zu mir und meinem damals sehr jungen Sohn Tilman. Jimmy war sehr vertrauensvoll und daher sehr unkompliziert. Er war freundlich zu all den Leuten, die er mit uns traf. Als er älter wurde, wurde er noch liebevoller als sonst: Sobald ich mich auf das Sofa setzte oder am Abend im Bett lag, kuschelte er sich an mich heran. Als er schwächer wurde, schaffte er es nicht, alleine auf das Sofa oder Bett zu springen; also hob ich ihn auf. Er bewegte sich schwer, schlief viel und sah unglücklich aus. Es dauerte einige Zeit, bis ich erkannte, dass er Schmerzen hatte, und ich beschloss, ihm Schmerzmittel zu geben. Später dann hörte er auf, seine Toilette zu benutzen und machte jeden Morgen einen See in meiner Wohnung. Ich war an diesem Punkt ziemlich verzweifelt. Mein buddhistischer Lehrer, Claude AnShin Thomas, und seine Assistentin, Wiebke KenShin Andersen, waren damals in Europa und verbrachten einige Tage in meiner Wohnung in Frankfurt am Main im Zusammenhang mit einer von mir organisierten öffentlichen Veranstaltung. Mein Lehrer, Claude AnShins Eindruck während seines Aufenthalts war, dass es Jimmy doch überwiegend gut geht: Er aß und trank, hatte Ausscheidungen, aber er konnte sein Pipi nicht in seiner Katzentoilette machen. Ich war etwas hilflos, wie ich damit umgehen konnte. Claude AnShin Thomas schlug vor, diese Ecken mit Desinfektionsspray zu reinigen. Diese praktische Lösung war tatsächlich hilfreich. Claude AnShin und Wiebke KenShin verabschiedeten sich von Jimmy, bevor sie Frankfurt verließen, sagten ihm, dass sie ihn wahrscheinlich nicht wiedersehen würden und dankten ihm für die gute Zeit, die sie mit ihm über die Jahre verbracht hatten. Ich weinte, weil ich in meinem Herzen erkannte, dass meine Katze nicht mehr lange leben würde, obwohl mein Verstand das bereits gewusst hatte.

Mit der Zeit fragte ich mich immer wieder, ob es weiterhin okay wäre, Jimmy so weiterleben zu lassen. Ich hatte die Hoffnung, dass er sich selbst zum Sterben zurückziehen würde, um alleine zu sterben - und ich hatte die Idee, dass es irgendwie besser für ihn und seine Seele wäre. Irgendwann an einem heißen Tag fand ich ihn unter einer schattigen Hecke in der letzten Ecke des Gartens. Aha, dachte ich, jetzt ist die Zeit gekommen. Ich holte mein Meditationskissen und meinen Weihrauch und meditierte draußen im Garten. Ich dachte, vielleicht tue ich ihm etwas Gutes. Irgendwann hob er seinen Kopf und sah mich an. Ich musste über mich selbst lachen, dass ich wohl eine ziemlich feste Idee davon hatte, was gerade geschah.

Die Frage nach meiner Verantwortung blieb also bestehen: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um Jimmy beim Übergang zu helfen? Jimmys Zustand verschlechterte sich. Meine Nachbarn beschrieben, dass Jimmy, wenn ich weg war, fast ununterbrochen laut weinte. Ich beschrieb die Situation meinem Lehrer. Er antwortete: es schiene, Jimmy würde mir mitteile, dass er keine Lebensqualität mehr habe und dass es Zeit sei zu gehen. Ich weinte, als ich das las, und wusste, dass ich mich endlich verabschieden musste. Und gleichzeitig war ich erleichtert, weil ich wusste, dass es richtig war. Ich war dankbar für die Unterstützung von Claude AnShin bei der Entscheidung,  geholfen hat, Jimmy beim Übergang zu helfen. Ich war dankbar, dass ich ihm ganz und gar vertrauen konnte und der mit Abstand und mit einem guten ethischen Auge den Prozess verfolgte.

Ich bin dankbar für einen wunderbaren Abschied von Jimmy, der mit viel Nähe stattfand, weil mein Kater in meinem Haus sterben durfte. Ich sagte Jimmy genau, was passieren würde: dass er eine Spritze bekommen würde, die letzte, und dass er in meinen Armen einschlafen würde. Er aß an diesem Tag unglaublich viel, und ich gab ihm immer wieder, was er wollte. Und wir waren zusammen im Garten. Dann ging er nach oben in die Wohnung; er wirkte sehr müde. Wir kuschelten uns auf dem Sofa, und dann kam der Tierarzt. Jimmys Tod war sanft und schnell. - Am nächsten Tag begrub ich seinen Körper, eingewickelt in ein Tuch in einem Karton im Garten. Jeden Tag ging ich morgens und abends dorthin und brachte ihm Kerzen und Weihrauch. Ich habe 49 Tage lang täglich für ihn die Zeremonie für die Toten rezitiert. Am 49. Tag verbrachte ich den Tag so, als wäre Jimmy bei mir: Ich legte Futter für ihn hin und sprach mit ihm. Ich weiß nicht, ob das Jimmy half, aber es schien gut für mich zu sein. 

Ich bin dankbar für die Unterstützung durch meinen Lehrer und die Sangha. Ich bin froh, dass ich einen guten Moment für Jimmys Tod gefunden habe. Die Erkenntnis dieses Augenblicks war gewachsen, und die Entscheidung kam nicht aus meinem Kopf, sondern aus einem Ort intuitiven Wissens. Die Situation zu einem guten Ende zu bringen, gibt mir Vertrauen in mich selbst und meine Praxis. Ich selbst hätte viel früher aus meiner Konditionierung heraus gehandelt, nach dem Motto: "Du kannst doch nicht akzeptieren, dass jemand jeden Tag in deine Wohnung pinkelt". Aber ich könnte einen Weg dafür finden. Das war die Praxis: in Situationen eintauchen, offen und ohne Bewertungen und Konzepte.

Obwohl ich Angst hatte, nach Jimmys Tod allein mit mir selbst zu sein, und obwohl ich manchmal die Unvermeidlichkeit des Todes nicht akzeptieren wollte, machte ich weiter mit dem, was das Mitfühlendste in dem Moment zu tun war. Das trug mich weiter, ohne an einer Idee festzuhalten, die Situation für Jimmy in Ordnung bringen zu können, denn angesichts von Alter, Demenz und Tod gab es kein zurück und kein in-Ordnung-bringen. So machte ich mich am Ende mit Aspekten von mir vertraut, die ich vorher nicht gekannt hatte. 

Irgendwann werde ich es sein, die Jimmy sein wird, weniger und weniger fähig für mich zu sorgen und abhängig von der Unterstützung anderer. Obwohl ich nicht weiß, wann das sein wird, bin ich zuversichtlich, dass ich es durch die Praxis schaffen werde, damit zurecht zu kommen.

5 jimmy getsugen

 

Thema: „Gemeinschaft als Weg zum Frieden“

Am Sonntag, den 7.Juli 2019 fand wie seit vielen Jahren das traditionelle interkulturelle und interreligiöse Europafest der Stadt Leverkusen statt. Bei schönem Wetter begann der Auftakt für das Fest mit dem Europäischen Gottesdienst im Spiegelsaal, den der Rat der Religionen ausgerichtet hat. Der Zaltho Sangha e.V. ist Mitglied dieses Rates, der das Ziel hat, dass die Religionsgemeinschaften der Stadt Leverkusen sich durch diese Art der Veranstaltungen und den damit verbundenen Dialog gegenseitig besser kennenlernen. 

Die Veranstaltung wurde vom Oberbürgermeister der Stadt Leverkusen eröffnet. Der Leitgedanke des diesjährigen Festes war "Gemeinschaft als Weg zum Frieden“. In den einleitenden Worten wies er darauf hin, dass es noch nie eine solange Periode des Friedens in Europa gegeben hat, und dass dazu die Europäische Union als Gemeinschaft von 28 Nationen unterschiedlicher Sprachen, Kulturen und Religionen wesentlich beigetragen hat.

Ramona RuZan Nolde hat für den Zaltho Sangha e.V. beim Europäischen Gottesdienst aus buddhistischer Sicht gesprochen. Sangha, der buddhistische Begriff der Gemeinschaft, ist ein wichtiger Bestandteil des Übungsweges. 

Hier ein persönlicher Beitrag von Ramona RuZan Nolde zu der Veranstaltung:

Als ich erfuhr, dass unsere 1. Vorsitzende, Marion GenRai Lukas, zum Zeitpunkt des Leverkusener Europagottesdienst  keine Zeit haben würde und auch kein anderer der erfahreneren Schüler*innen die Aufgabe eines Beitrags am Europagottesdienst übernehmen konnten, kam mir schon der Gedanke: „Ich könnte mich melden, aber eigentlich traue ich mich noch nicht.“ Selbstzweifel kamen da auf, die Angst etwas falsch zu machen und auch das Zögern mich in der Öffentlichkeit vor Publikum in dieser Rolle zu zeigen, waren Teil meiner Gefühle. 

Es vergingen ein paar Wochen. Das Thema wurde ebenfalls in der Vorstandssitzung des Zaltho Sangha e.V. besprochen. Weiter blieb der Platz offen. Auch Claude AnShin teilte seinen Wunsch mit, dass jemand die Verantwortung übernehmen solle. Außerdem wäre es ja auch schade, wenn der Zaltho Sangha e.V. im Rat der Religionen bei dieser wichtigen Veranstaltung nicht dabei wäre. 

„Wie wirkt das überhaupt, wenn wir nicht dabei sind?”, dachte ich mir. „Und das Thema “Gemeinschaft” ist ja wirklich auch in meinem Leben wichtig. Dann sollten wir, der Zaltho Sangha e.V., bei der interreligiöse Gemeinschaft dieser Veranstaltung auch mit dabei sein.“ 

Nun, ich musste mich schon überwinden, obwohl ich mich mit dem Gedanken grundsätzlich angefreundet hatte. Dann sollte ja auch noch ein Beitrag geschrieben werden. Da konnte ich auf die Unterstützung von Marion GenRai und Claude AnShin zurückgreifen, was mir sehr half. Im Schreiben selbst kam mir direkt eine Idee. Ich bin dabei sehr meiner Intuition gefolgt und war auch ermutigt, direkt von meinen eigenen Erfahrungen und Erlebnissen zu teilen. Das gelang mir ganz gut. 

Am Tag selbst kamen viele Menschen zu dem Europagottesdienst. Einige bekannte Gesichter im Publikum lächelten mich ermutigend an. 

Mit den anderen Religions-Vertreter*innen gab es schon vor Beginn des Europagottesdienstes ein freundliches Miteinander, wo wir uns unterhalten und auch miteinander scherzen konnten. 

Besonders ist mir aber von dem Tag in Erinnerung geblieben, und das empfinde ich als so wichtig, dass wir in unseren Beiträgen, ohne sie miteinander abgestimmt zu haben, Gemeinsamkeiten hatten oder gar die gleichen Textpassagen aus den jeweils heiligen Büchern der Religionen benannten. 

Gemeinschaft empfinde ich als religionsübergreifend - ein Weg zum Frieden - und an diesem Tag haben wir gemeinsam darüber sprechen können. 

4 europagottesdienst

Notiz: Der Europäische Gottesdienst wurde als Video festgehalten. Der Beitrag von Ramona RuZan Nolde beginnt bei Minute 19: https://www.youtube.com/watch?v=r9u4CIQBe5c&feature=youtu.be

                                                   

 

"Wenn eine Begegnung alles ändert"

Die Bielefelderin Sonja MyoZen Sterner hat unverhofft einen geistigen Lehrer getroffen, dem sie mit Hingabe und Vertrauen, aber nicht blind, folgt. Jetzt ist sie wegen seiner jahrelangen Anleitung Zen-buddhistische Nonne geworden – was sie eigentlich nie wollte.  

von Elli Bummel

Einen vollkommen vertrauensvollen geistigen Lehrer zu finden ist so mysteriös wie das Phänomen, „sich untersterblich zu verlieben“, sagt Sonja MyoZen Sterner. Ihr ist es passiert. Die 50-jährige Bielefelderin hat deswegen ihr ganzes Leben – auch ihr Äußeres - verändert. Sie ist buddhistische Nonne geworden, in der Tradition des so genannten Zen; Ihr Kopf ist kahlgeschoren; sie tragt ungewöhnliche Kleidung: einen „Rakusu“, eine Art Lätzchen, selbst genäht. Das sind die äußerlichen Zeichen. Innerlich ist noch viel mehr in Bewegung geraten.

Nonne zu sein bedeutet, sich ganz und gar auf den spirituellen Weg auszurichten. Im Buddhismus ist es das Erkennen, dass alles Erlebte, ob Gefühle, Gedanken, der eigene Körper oder die durch die Sinne wahrgenommene Außenwelt nichts anderes sind als Projektionen des Geistes. Sie sind wie ein Traum. Doch wir halten ihn aus Gewohnheit für real. Weil das so ist, entsteht der Eindruck von einem Ich, getrennt vom Ihr, also der Dualismus, der alles Leiden erzeugt: Gier, Abneigung, Eifersucht, Stolz, Zorn, Unwissenheit. Buddhisten wissen das, wollen es aber auch zur Erfahrung machen, um sich von den störenden Gefühlen zu befreien. Ihr Mittel ist Meditation. 

Sonja MyoZen Sterner – der Namenszusatz MyoZen weist sie als jetzt Ordinierte aus – wusste früh in ihrem Leben, dass sie Erkenntnis will. Zumindest ungefähr. „Im Grundschulalter habe ich ein Referat über die Weltreligionen gehalten, dabei hat mich der Buddhismus am meisten fasziniert“, erinnert sie sich. Mit 15 Jahren traf sie echte Buddhisten, Japaner, mit 17 schloss sie sich der Gruppe an. Doch bald klappte alles wieder zusammen. „Auf einer Reise nach Indien und Nepal geriet ich in die Wirren des Bürgerkriegs damals“, sagt sie. Das Erlebte hat sie so sehr desillusioniert, dass sie ausstieg und vier Jahre ohne Besitz in Südeuropa von Hof zu Hof zog. Der Buddhismus war zu dieser Zeit stillgelegt, ganz weg war er jedoch nie. Sie traf auf ihren Reisen bald eine buddhistische Lehrerin der tibetischen Tradition, begann wieder zu meditieren, kehrte nach Deutschland zurück. 

Wieder in Bielefeld angekommen passierte es. „Eines Abends gab es einen Vortrag von einem Claude AnShin Thomas“, erzählt sie. Das ist ein ehemaliger amerikanischer Front–Soldat, der als junger Mann im Vietnamkrieg eingesetzt wurde, später Buddhist wurde und seitdem sein Leben vor allem der Gewaltlosigkeit und dem (inneren) Frieden der Menschen widmet. „Ich wollte eigentlich nicht hin, weil ich keinen Lehrer suchte, schon gar nicht einen männlichen, und auch keinen Zen-buddhistischen.“ Doch weil sie neugierig war, ging sie doch hin. Und da sagte der Vortragende Sätze, die Sonja Sterners Herz trafen. „Meine tibetisch-buddhistische Lehrerin hatte mir vorher gesagt, ich werde wissen, wer mein geistiger Lehrer ist, wenn er drei Fragen beantwortet, die ich gar nicht gestellt habe.“ Genau das passierte. Ihre konzepthaften Hindernisse lösten sich auf. Sie war ihrem geistigen Lehrer begegnet, ob sie wollte oder nicht. So wurde aus ihr Sonja MyoZen Sterner. 

Das Mysterium geistiger Lehrer, auch Lama oder Guru genannt, ist einerseits leicht zu erklären und andererseits schwer anzunehmen. Es liegt jenseits des Verstands. Menschen lernen von Menschen am besten, von Vorbildern, die das Ziel schon vorleben können. So funktioniert es, und so funktionieren viele buddhistische Schulen, vor allem die tibetischen, aber auch die Zen-Schulen arbeiten mit dem Mittel des spirituellen Meisters. Da jedoch jeder Suchende die Skandale mit selbstsüchtigen oder gar kriminellen Gurus kennt, ist trotz allem nötigen Vertrauen und tiefer Hingabe genauso Wachheit und kritischer Geist gefragt – und zwar bis zum Ende des Weges. Das erfordert eine große Reife. „Auch ich prüfe meinen Lehrer ab und zu“, sagt die Bielefelder Zen-Nonne. Sie will den Sinn erfassen, wenn er ihr etwas aufträgt. „Ich frage dann schon, ob es Wachstum für mich und andere bedeutet.“ 

Bisher war das immer so. Sogar bei ganz banalen Dingen, wie bei folgendem Beispiel: Claude AnShin Thomas trug ihr auf, einen Autoführerschein zu machen. „Ich wollte aber nicht, weil ich die Bäume schützen wollte.“ Widerwillig ließ sie sich – als Test – auf ein oder zwei Fahrstunden ein. „Und dabei merkte ich, dass es gar nicht um die Umwelt ging, sondern dass meine Ängste vor dem Fahren und der Technik der wirkliche Grund waren“, sagt sie. Sie hat so die Ängste überwunden. Das ist nützlich, denn längst hat sie eine wichtige Rolle im Vorstand der Organisation namens „Zaltho Sangha“. Sie muss deswegen auch immer wieder mit dem Auto durch Deutschland fahren. Zen-Meister Claude AnShin Thomas wusste das, bevor sie es wusste. So arbeiten buddhistische Lehrer oft. Sie brechen Konzepte, die Entwicklung blockieren. 

13 Jahre ist sie jetzt seine Schülerin, leitet die Bielefelder Zaltho-Sangha-Gruppe als seine Vertreterin und wächst an der Aufgabe allein dadurch, „dass er mir immer wieder deutlich macht, dass es um Selbstverantwortung und Selbstreflexion geht“. Das ist mitunter unbequem, ist aber unerlässlich auf dem buddhistischen Weg zur Befreiung von den inneren Kriegen bis hin zur Erleuchtung, also der vollen Entfaltung der wahren Natur des Geistes, die sich in bedingungsloses Mitgefühl, Freude und Furchtlosigkeit als natürlichste Sache der Welt ausdrückt. 

Einmal wollte Sonja MyoZen Sterner hinwerfen, aufhören, Schluss machen. Die Vorstandssitzung waren der Auslöser. „Da ging es nicht so nett zu, wie ich es mir vorgestellt hatte“, berichtet sie. Sie beschloss, auszutreten und teilte das ihrem Meister mit. Und er sagte: „Geh, wenn du denkst, wir sind das Problem.“ Das saß. „Das war eine schmerzhafte Botschaft“, sagt sie. Aber sie verstand: „Anderen meinen Willen aufzwingen zu wollen ist auch eine Form von Gewalt.“ 

Sonja MyoZen Sterner ist geblieben. Und das Vertrauen in ihr zu ihm ist weiter gestiegen „als der Lehrer, den ich ermächtigt habe, für mich ein Spiegel auch meiner unangenehmen Seiten zu sein“. Sie lasse das zu, weil er es unendlich liebevoll tue, ohne sich über sie oder andere zu erheben. Der buddhistische Lehrer ist eigentlich eine Paradoxie: Er kann für den Schüler nur dessen Spiegel des Inneren sein, weil auch er ein Mensch ist, zugleich ist er etwas Überpersönliches, eher eine Funktion. 

Sonja MyoZen Sterner ist Nonne, die nicht im Zölibat lebt und nicht im Kloster. Ihre buddhistische Schule verzahnt spirituelles und alltägliches Leben bewusst. Tagsüber arbeitet sie als Masseurin, sie hat eine Wohnung und einen erwachsenen Sohn. Weil sie aber Nonne ist, ist doch nicht alles normal. In der Straßenbahn oder an der Supermarktkasse wird sie öfter angestarrt und angesprochen als andere, allein wegen ihres kahlen Kopfes. Ihr Äußeres verpflichtet sie, stets stilvoll und liebevoll zu sein, auch wenn ihr nicht danach sein sollte. Darin liegt ein Sinn der äußeren Erkennungsmerkmale: Sie sind eine immerwährende Erinnerung an die wahren inneren Werte, ob der Träger gerade traurig oder fröhlich, ungeduldig oder entspannt ist, ist egal. Von diesen wechselnden Zuständen unabhängig und frei zu werden ist die Übung ihres Lebens. Deswegen sagt Sonja MyoZen Sterner denen, die glauben, sie habe mit ihrer Entscheidung ihre Freiheit aufgegeben: „Es ist genau andersherum für mich. Ich empfinde es als Freiheit, nicht mehr nach allem greifen zu müssen.“ 

3 myozen zeitungsartikel

 

Transkript eines Ausschnitts aus Fragen & Erwiderungen des Abendvortrags von Claude AnShin Thomas in Frankfurt am Main, 12. September 2019.

Frage: "Wie kann ich mit meinem starken Gefühl der Unruhe arbeiten, wenn ich beobachte, was in der Welt vor sich geht?"

AnShin: "Welche Unruhe? Wir erleben Unruhe wegen bestimmter Wahrnehmungen darüber, was in der Welt geschieht, basierend auf unserer Konditionierung. Was in der Welt geschieht, ist immer passiert. Die größere Frage ist also: Was bin ich bereit, mit meiner Unruhe zu tun? Wie kann ich diese Unruhe ins Handeln umlenken? Nochmals, was bin ich bereit zu tun?

Es ist wichtig, eine grundlegende Kernlehre der buddhistischen Lehren zu berücksichtigen, die Lehre der gegenseitigen Verbundenheit oder Interdependenz. Kurz gesagt, kommt diese in der Realität zum Ausdruck, dass die Welt und das Selbst keine zwei Dinge sind. So wie ich bin, wird die Welt.

Obwohl es möglich ist, ein theoretisches Begreifen dieser Wahrheit zu haben, ist es zutreffender zu verstehen, dass die Tiefe und Weite dieser Wahrheit, der Realität, das Verstehen überschreitet. Intellektuell ist es nicht schwierig, dieser Wahrheit zuzustimmen oder nicht, aber Zustimmung ist nicht wichtig für die Existenz der Wahrheit. Diese Wahrheit existiert im Raum jenseits des Intellekts. Es ist auch wichtig zu hören, dass dieser Raum jenseits des Intellekts nicht den Intellekt außer Acht lässt, sondern ihn einfach übertrifft.

In gewisser Weise ist es nicht möglich, die unumstößliche Wahrheit, die in diesem Raum jenseits des Verstandes existiert, in Worte zu fassen. Dies hindert jedoch die buddhistischen LehrerInnen in Raum und Zeit nicht daran, auf sie hinzuweisen. Dabei können Worte helfen.

Also, zurück zum Thema Unruhe. Wenn die Umstände nicht so passen, wie ich sie haben möchte, kann ich unruhig werden. Das ist die Rolle, die meine Wahrnehmungen spielen. Obwohl meine Wahrnehmungen in gewisser Weise alle wahr sind, weiß ich jetzt auch, dass es für mich wichtig ist, bereit zu sein zu verstehen, dass meine Wahrnehmungen begrenzt sind.

Die Substanz, die Fülle jeder Erfahrung, ihre Realität, kann man erkennen, aber nur, wenn ich bereit bin, anzuerkennen, dass die Welt, wie ich sie erlebe, wie ich sie kenne, durch die Art und Weise geprägt ist, wie ich konditioniert wurde. Über meine Konditionierung, meine Wahrnehmungen, zur Realität meiner Erfahrung hinauszusehen, erfordert eine Bereitschaft, die von einer disziplinierten spirituellen Praxis begleitet wird, die in der Selbstreflexion wurzelt.
Um also zu einer von mir oft wiederholten Position zurückzukehren: In Bezug auf alle Dinge, was bin ich bereit zu tun?“

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