Interview mit Claude AnShin Thomas anlässlich der Pilgerwanderung von Berlin nach Trier 1999
Frage 1: Was wollen Sie mit der Bettelwanderung durch Deutschland erreichen ?
Antwort: Als eine interreligiöse Gruppe zu gehen, die mit der Achtsamkeitspraxis verbunden ist, Zeugnis abzulegen und Heilung anzubieten für die andauernden Wirkungen des Krieges in Europa, insbesondere des 2. Weltkrieges. Zeugnis abzulegen über die andauernden Auswirkungen auf die Psyche all jener Menschen, die den Folgen des Krieges ausgesetzt waren und Zeugnis darüber abzulegen, daß die Folgen des Krieges über mehrere Generationen hinweg wirken
Frage 2: Ist dies eine rein auf Deutschland bezogene Aktion - etwa um auf die Verbrechen der Nazi-Zeit hinzuweisen - oder hat sie darüber hinausgehende Bedeutung?
Antwort: Der Zweck dieser Pilgerreise besteht nicht darin, in besonderer Weise auf die Nazi-Verbrechen aufmerksam zu machen, sondern auf das Leiden, das aus Krieg entsteht und Zeugnis abzulegen über das Leiden das zu Krieg führt und Krieg erzeugt. Das Ziel ist auch, ein kulturelles Bewußtsein für die ABSOLUTE WICHTIGKEIT, ja NOTWENDIGKEIT zu wecken, offen über die persönlichen Folgen des Krieges für die einzelnen Menschen zu sprechen und wie diese Folgen sich auf verschiedenartigste Weise, bewußt und unbewußt, im gegenwärtigen Moment manifestieren. Das ist die Voraussetzung dafür, daß Heilung möglich wird und dieser Kreis des Leidens (Krieg, Gewalt, Aggression, etc.) verwandelt werden kann.
Frage 3: Welche Beziehung haben sie zu Deutschland ? Haben Sie Freunde hier ?
Antwort: Ich habe eine Anzahl von Freunden und Schülern hier, und fühle mich privilegiert, ihnen von Nutzen zu sein. Ich kenne auch aus eigener Erfahrung das Leiden des Krieges und das Stigma, als der Täter angesehen zu werden und wie dadurch Schuldgefühle genährt werden und die Chancen und Möglichkeiten verhindert werden, die Folgen des Krieges zu heilen und zu transformieren
Frage 4: Wer wird Sie auf der Wanderung begleiten ?
Antwort: Schüler, Freunde und jeder der Interesse hat, sich anzuschliessen, sofern er sich über das Wesen dieser Praxis im Klaren ist und in der Lage ist, teilzunehmen. Wir werden ohne Geld wandern, ich werde meine Robe tragen. Jeden Tag werden wir mit einer Zen-Buddhistischen Andacht beginnen und beenden. Wir werden jeden Tag 20 - 30 km gehen, und wir werden als Gruppe gehen. Das Tempo wird zügig sein, und wir werden unser ganzes Gepäck auf dem Rücken tragen. Die Teilnehmer müssen also eine relativ gute körperliche Verfassung haben. Wir werden um Almosen bitten (eine einfache Mahlzeit und einen einfachen Schlafplatz). Wenn wir abgewiesen werden, werden wir nicht essen, draußen schlafen und dann zum nächsten Ort weitergehen. Teilnehmer müssen sich darüber im Klaren sein, daß dies kein Freizeit-Ausflug ist, sondern eine äußerst intensive und kraftvolle spirituelle Praxis.
Frage 5: Wie sieht der Tagesablauf aus ?
Antwort: Wir werden um 5:20 Uhr aufstehen, unsere Rucksäcke packen und uns für den Aufbruch fertigmachen. Dann werden wir eine Sitzmeditation und eine spirituelle Andacht abhalten. Wenn wir Verpflegung erhalten, werden wir essen. Wir werden unseren Schlafplatz aufräumen und um ca. 7:00 Uhr auf der Straße sein und mit der Praxis der Gehmeditation beginnen. Diese Praxis (die Vertiefung von Achtsamkeit) wird uns auf der Wanderung unterstützen , wenn wir jeden Tag auf's Neue das Unbekannte begrüßen und darüber Zeugnis ablegen, bis wir am nächsten Ort wieder um Hilfe bitten Wir werden jeden Tag mit einer Sitzmeditation, einer Andacht und einer Sangha- (Gemeinschafts-) versammlung mit einem Gesprächskreis beschließen.
Frage 6: Sie wollen Stätten der Nazi-Gewaltherschaft besuchen. Was wollen sie dort tun ?
Antwort: Wir werden an jeder Gedenkstätte ein Retreat (Einkehr) abhalten, das dem primären Zweck dient, Zeugnis abzulegen über die extreme Art und Weise, auf die hier unbehandeltes Leiden zum Ausdruck gebracht wurde. Wir werden auch eine Heilungsandacht für alle hungrigen Geister anbieten, die immer noch an diesen Orten anwesend sind.
Frage 7: Warum betteln Sie während der Wanderung ?
Antwort: Dana ist ein altes Pali-Wort, das "Großzügigkeit" oder "Geschenk" bedeutet. Es ist direkt verwandt mit dem lateinischen Wort "donum" und dadurch auch mit den englischen Wörtern "donate" (schenken, spenden) und "donation" (Spende, Stiftung). Dana ist ein Bestandteil der 2.500 Jahre alten buddhistischen Tradition. Zu Zeiten des Buddha wurde die Lehre als unbezahlbar betrachtet und deshalb umsonst gegeben, eben als eine Form von Dana. Die damaligen Lehrer erhielten keine Bezahlung für ihre Belehrungen. Im Gegenzug sorgte die Laiengemeinde durch freiwillige Großzügigkeit (ihr Dana) dafür, daß für die Grundbedürfnisse der Lehrer (damals Mönche und Nonnen) wie Kleidung, Nahrung, Unterkunft und medizinische Versorgung gesorgt war.Über diese praktische Dimension hinaus spielt Dana auch eine zentrale Rolle im spirituellen Leben eines Buddhisten. Es ist die erste der Zehn Paramitas, das sind Charaktereigenschaften, die während einer der Lebensspannen zur Perfektion entwickelt werden sollen. Wenn der Buddha einen Vortrag vor Laien hielt, begann er fast immer mit den Vorzügen und der Wichtigkeit von Dana. Der Akt des Gebens ist von unschätzbarem Wert für den Geber selbst: Er öffnet das Herz, vermindert für einen Moment die Selbstbezogenheit und räumt dem Wohlergehen anderer Bedeutung ein.. Die einfache Geste, eine Blume zu schenken, einen Akt der Hilfsbereitschaft, einen freundlichen Gedanken oder eine einfache Mahlzeit ist tatsächlich eine aufrichtige Form der buddhistischen Praxis. Die Größe oder der Wert des Geschenkes hat fast keine Bedeutung - der Akt des Gebens selbst erzeugt einen Gedanken-Augenblick frei von Gier und voll liebevoller Güte. In Asien ist diese Tradition durch die Laiengemeinde am Leben erhalten worden, die die Lehren unterstützt und zum klösterlichen Leben beiträgt, indem sie den Mönchen und Nonnen Nahrung gibt, wenn sie in ihrer täglichen Praxis von Haus zu Haus gehen und um Almosen bitten. Einmal jährlich findet auch eine formale Schenkung von Roben an die Orden statt. Viele versuchen die Tradition von Dana im Westen zu praktizieren, obwohl es keine westliche Tradition ist, und wenige Menschen sie richtig verstehen. Wir ( die von mir gegründetee Zaltho Stiftung, der Peacemaker - Priesterorden , etc.) versuchen, die Dana-Tradition fortzuführen.
Frage 8: Sie gehören dem buddhistischen Peacemaker Orden in New York an. Wofür setzt sich dieser Orden ein ?
Antwort: Es ist nicht der buddhistische Peacemaker Orden, sondern der ZEN Peacemaker Orden, der Teil einer größeren interreligiösen Bewegung, des Peacemaker Ordens ist. Eines der Ziele des Ordens (es gibt nämlich viele) ist es, eine der zentralen Lehren sowohl von Shakyamuni Buddha, als auch von anderen spirituellen Traditionen, verkörpern zu helfen, nämlich die Lehre von der inneren Verbundenheit aller Dinge. Diese Lehre, einfach ausgedrückt, besagt, daß es kein losgelöstes Selbst gibt. Daß wir auf einer tiefen, absoluten Ebene im Wesen nicht voneinander verschieden sind und auch nicht von irgendetwas anderem im Universum. Dabei erkennen wir gleichzeitig die Tatsache an, daß wir uns auf einer anderen Ebene durchaus unterscheiden. Das wirft natürlich die Frage auf, wie wir beide Sichtweisen gleichzeitig würdigen und schätzen können.
Frage 9: Bitte erzählen sie etwas über Ihre Person. Wie alt sind sie ? Wie lautet Ihr amerikanischer Name ? Wie kamen Sie dazu, Mönch zu werden ? Bleiben Sie unverheiratet ? Warum haben Sie nach Ihrer Rückkehr aus dem Vietnam-Krieg keinen Beruf erlernt oder eine Familie gegründet ?
Antwort: Mein Name ist Claude Thomas. Mein Ordensname ist AnShin AnGyo. Ich identifiziere mich jetzt meistens als Claude Anshin Thomas, um beide Namen zu würdigen. Ich bin 51 Jahre alt und habe mich als Zen-buddhistischer Mönch ordinieren lassen, aus einem starken Bedürfnis heraus zu heilen, anders zu leben, mein ganzes Leben Heilung und Transformation zu widmen, aufzuwachen, ALLES LEIDEN UND ALLE KRIEGE IN MEINEM LEBEN ZU BEENDEN !! Ich habe nicht die Absicht, im konventionellen Sinn zu heiraten, denn seit ich meine Gelübde abgelegt habe, bin ich in einem sehr realen Sinn mit dem ganzen Universum verheiratet. Nach meiner Rückkehr aus Vietnam habe ich geheiratet und ein Kind bekommen, aber als ein Ergebnis meines Leidens, ausgelöst durch meine Erfahrungen in Vietnam, den Krieg vor dem Krieg und den Krieg nach dem Krieg, war ich einfach nicht in der Lage, ein konventionelles Leben zu führen. Ich habe versucht, auf übliche Weise zu arbeiten, aber ich war niemals in der Lage, diesen Lebensstil aufrecht zu erhalten, weil eine Karriere, ein regelmäßiger Job, das Leben in diesem konventionellen Rahmen für mich niemals Sinn machte. Nach meinen Kriegserfahrungen paßte ich nicht mehr in die Welt der Konvention. Es erschien mir sinnlos und ich hatte keine Bezugspunkte an dem Ort, an dem ich mich selbst wiederfand. Ich fühlte mich total verlassen, hilflos und hoffnungslos. Ich wußte, daß es einen anderen Weg gibt, aber dennoch konnte ich ihn nicht finden. Und nun gibt es die Arbeit, die ich jetzt tue, und die meistens sinnvoll ist. Mein Haus ist immer gerade da, wo ich gerade bin, meine Aufgabe ist die Verpflichtung, ANDEREN ZU DIENEN, einfach um hilfreich zu sein und um ALLES LEIDEN UND ALLE KRIEGE IN MEINER LEBENSZEIT ZU BEENDEN !!
Das Interview führte Dr. Bettina Sachau, Japanologin unÜbersetzungen: Hanne Glüer, Gisela Tan